OpenAI baut einen eigenen Rechtsindex: Astra for Law durchsucht 230 Millionen Quellen

OpenAI koppelt GPT-6 Astra an einen eigenen juristischen Suchindex. Der Start beschränkt sich auf US-Recht und ausgewählte Kanzleien.

Reihe juristischer Gesetzbücher in einem Bibliotheksregal

OpenAI hat am 17. September 2026 Astra for Law vorgestellt. Dahinter steht keine neue Modellgeneration, sondern eine für juristische Arbeit konfigurierte Fassung von GPT-6 Astra, die an einen eigenen Suchindex angebunden ist. Dieser Index umfasst nach Unternehmensangaben mehr als 230 Millionen URLs und deckt US-Rechtsprechung, Gesetze, Verordnungen, Gerichtsordnungen und Verwaltungsentscheidungen ab. Neue Quellen kommen täglich hinzu.

Der Index ist der eigentliche Unterschied

Einen erheblichen Teil der Rechtsprechung liefert das Free Law Project, die gemeinnützige Organisation hinter der Datenbank CourtListener. Deren Sammlung deckt laut OpenAI mehr als 99,9 Prozent der veröffentlichten US-Präzedenzentscheidungen ab. Statt über die allgemeine Websuche zu recherchieren, greift das Modell damit auf einen kuratierten Bestand zu.

Wie viel das ausmacht, zeigen die von OpenAI selbst veröffentlichten Messwerte: Auf dem Legal Research Bench von Vals AI beantwortete Astra for Law 54,0 Prozent von 200 Rechtsfragen korrekt, GPT-6 Astra mit gewöhnlicher Websuche kam auf 38,7 Prozent. Das Modell zog dabei 24 Prozent mehr einschlägige Entscheidungen heran und bei gezielten Fragen bis zu 54 Prozent mehr relevante Textstellen. Die Zahlen stammen vom Anbieter, eine unabhängige Prüfung steht aus.

Juristische Recherche in gedruckten Entscheidungssammlungen

Zugang nur über ein Freigabeprogramm

Verfügbar ist Astra for Law zunächst über das Programm Trusted Access für ausgewählte Kanzleien, in ChatGPT und in Codex. Der Zugang über die Programmierschnittstelle soll folgen; in ChatGPT erscheint das Modell als GPT-6 Astra Law, in der API als gpt-6-astra-law. Preise hat OpenAI nicht genannt.

Für den Umgang mit Mandatsdaten nennt OpenAI mehrere Zusagen: Zero Data Retention über die API und keine menschliche Prüfung von ChatGPT-Enterprise-Nutzung als Voreinstellung. Die Kontrollmechanismen für Zugriffsrechte, ethische Trennwände zwischen Mandaten und Mandantenvorgaben entwickelt OpenAI zusammen mit der Kanzlei Latham & Watkins. Sullivan & Cromwell hat frühe Fassungen getestet.

Frühe Fassungen zeigten beachtliche Recherchetiefe und ein Gespür für die Belastbarkeit von Fundstellen.

John Savva, Sullivan & Cromwell

Anschluss statt Verdrängung

Zum Start gibt es 26 Plugins von Partnern, die Astra for Law an Fachanwendungen anbinden, darunter Relativity, Clio, iManage, Intapp und DeepJudge. Thomson Reuters bindet Aktenkontext aus HighQ an und zeigt einen Connector für CoCounsel Legal. Dazu kommen neun Plugins aus der Anwenderschaft mit 47 Fertigkeiten, die Kanzleien für eigene Abläufe anpassen können. Auch Harvey und Legora, zwei der bekanntesten Anbieter juristischer KI, wollen auf Astra for Law aufbauen.

Damit positioniert sich OpenAI vorerst als Unterbau für Recherche, nicht als Ersatz für Akten- und Kanzleisoftware. Thomson Reuters hält dagegen, der Wert liege nicht in der Anbindung allein, sondern in Prüf- und Vertrauensfunktionen rund um die Recherche.

Für deutsche Kanzleien vorerst nicht nutzbar

Der Index deckt ausschließlich US-Recht ab. Deutsche oder europäische Rechtsquellen sind nicht enthalten, entsprechend lässt sich das Angebot hierzulande nicht für die eigentliche Recherche einsetzen. Interessant ist es als Muster: Ein fachlich kuratierter Index vor dem Modell verbessert die Trefferqualität deutlich stärker als ein Modellwechsel. Wer in Deutschland Vergleichbares will, ist auf die bestehenden Verlagsdatenbanken und deren Lizenzbedingungen angewiesen.

Was das für Ihr Unternehmen heißt

  • Für fachliche Fragen ist die Datenquelle wichtiger als das Modell. Ein eigener, gepflegter Bestand an Dokumenten bringt in der Regel mehr als das nächstgrößere Modell.
  • Herstellereigene Benchmarks sind ein Anhaltspunkt, kein Nachweis. Prüfen Sie mit eigenen Fragen aus dem Tagesgeschäft nach.
  • Eine Trefferquote von 54 Prozent bedeutet, dass jede zweite Antwort Fehler enthalten kann. Fachliche Kontrolle bleibt Pflicht.
  • Bei vertraulichen Unterlagen sind Zusagen wie Zero Data Retention und der Ausschluss menschlicher Prüfung vertraglich festzuhalten, nicht nur der Produktseite zu entnehmen.
  • Für deutsches Recht bleibt der Zugriff auf lizenzierte Quellen der Engpass. Klären Sie vor einem KI-Projekt, welche Datenbank sich überhaupt anbinden lässt.
Richard von Rüden
Über den Autor Richard von Rüden Senior Entwickler & AI Engineer

Seit über 15 Jahren entwickle ich Websites und Apps und beschäftige mich intensiv mit KI-Automatisierung sowie Datenschutz. In meinen Artikeln teile ich aktuelle News, fundiertes Fachwissen und Erfahrungen aus zahlreichen Projekten.

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