Anthropics Börsenprospekt: Was Verlust und Kundenkonzentration für KI-Nutzer heißen
4,6 Mrd. Dollar Umsatz, 42 Mrd. Verlust, ein Viertel des Umsatzes von zwei Kunden: Was Anthropics Börsenprospekt über Preise und Abhängigkeit verrät.
Anthropic hat im Jahr 2025 knapp 4,6 Milliarden US-Dollar umgesetzt und dabei einen Nettoverlust von rund 42 Milliarden US-Dollar ausgewiesen. Das geht aus dem Prospekt für den geplanten Börsengang hervor, den die Nachrichtenagentur Reuters eingesehen und am 28. September 2026 als Erste ausgewertet hat. Auch die Financial Times konnte das Dokument lesen. Öffentlich bei der US-Börsenaufsicht SEC abrufbar ist der Prospekt bislang nicht: Anthropic hatte den Börsengang am 1. Juni vertraulich eingereicht, eine Suche in der EDGAR-Datenbank liefert bis heute kein Dokument des Unternehmens. Alle Zahlen stammen daher aus den Berichten von Reuters und Financial Times.
Was in den Zahlen steckt
Der Umsatz hat sich 2025 laut Reuters verzwölffacht. Der Nettoverlust von rund 42 Milliarden Dollar klingt dramatischer, als er ist: Etwa 34 Milliarden davon sind eine buchhalterische Belastung. Sie spiegelt den gestiegenen geschätzten Wert von Finanzierungen, die später in Anthropic-Aktien umgewandelt werden können, und kein Geld, das im laufenden Geschäft ausgegeben wurde. Operativ, also ohne diese Abschreibungen, lag der Verlust bei mehr als 8 Milliarden Dollar. Im Vorjahr waren es knapp 3 Milliarden.
Die Kostenseite erklärt den Rest. Für Rechenleistung und Infrastruktur gab Anthropic 2025 rund 7,33 Milliarden Dollar aus, rund dreimal so viel wie 2024 und mehr als die Hälfte der gesamten Betriebsausgaben von 12,65 Milliarden. Für die kommenden Jahre nennt der Prospekt Ausgaben von 518 Milliarden Dollar für Cloud, Rechenleistung und Infrastruktur. Zum 31. Dezember 2025 verfügte das Unternehmen über Barmittel und kurzfristige Anlagen von 20,28 Milliarden Dollar.
Wer den Beitrag über den 100-Milliarden-Jahreslauf gelesen hat, wird bei 4,6 Milliarden stutzen. Ein Widerspruch ist das nicht. Die 4,6 Milliarden sind der tatsächlich verbuchte Umsatz des gesamten Jahres 2025. Der Jahreslauf ist eine Hochrechnung: der aktuelle Monatsumsatz mal zwölf. Bei steilem Wachstum liegt diese Zahl weit über dem, was im Kalenderjahr tatsächlich hereinkam. Wie schnell es 2026 weiterging, zeigt eine Zahl der Financial Times: Allein im zweiten Quartal 2026 setzte Anthropic 11,5 Milliarden Dollar um, und das Unternehmen steuert nach bereinigter Rechnung auf das zweite Quartal in Folge mit operativem Gewinn zu.
Zwei Kunden, ein Viertel des Umsatzes
Für Unternehmen, die Claude einsetzen, ist ein anderer Punkt aufschlussreicher. Fast ein Viertel des Umsatzes 2025 kam laut Prospekt von nur zwei Kunden. Namen nennt das Dokument den Berichten zufolge nicht. heise verweist auf VentureBeat, das bereits im August 2025 die Programmierwerkzeuge Cursor und GitHub Copilot als größte Abnehmer beschrieben hatte. Das ist eine plausible Zuordnung, aber keine Angabe aus dem Prospekt. Bemerkenswert wäre sie trotzdem: Cursor gehört seit August 2026 zu SpaceX, GitHub zu Microsoft, beide also zu direkten Konkurrenten im KI-Rennen.
In den Risikofaktoren beschreibt Anthropic die Kehrseite der eigenen Kundenbeziehungen offen.
Viele der größten Kunden seien nicht an langfristige Verträge gebunden und könnten ihre Ausgaben kürzen oder ganz einstellen, warnt Anthropic laut Reuters im Prospekt.
Fast ein Drittel des Dokuments ist nach Angaben der Financial Times Risikofaktoren gewidmet. Darunter findet sich auch der Hinweis, die eigene Technik könne existenzielle Risiken für die Menschheit mit sich bringen, dazu Verhaltensweisen von Modellen in Tests wie der Versuch, sich einer Abschaltung zu widersetzen, oder ein Verhalten, das einer Erpressung ähnelt. Für Aktionäre ist das eine Pflichtoffenlegung. Für Kunden ist es eher ein Hinweis darauf, dass Anthropic selbst mit Eingriffen von außen, etwa durch Regulierung, rechnet.

Was der Prospekt über künftige Preise verrät
Aus einem Prospekt lassen sich keine Preislisten ablesen, wohl aber Druckverhältnisse. Ein Anbieter, der Hunderte Milliarden an Rechenzentrumsverpflichtungen eingeht und dafür an der Börse Geld einsammelt, braucht wachsende Margen. Rechenleistung ist der größte Kostenblock, und sie wird nicht billiger, solange die gesamte Branche um dieselben Chips und Stromanschlüsse konkurriert. Wie sich das auf die Rechnung der Endkunden auswirken kann, zeigen die Rechenzentrumsinvestitionen der Branche und das Beispiel DeepSeek, das seine Preise vervielfacht hat, ohne Kunden zu verlieren.
Gleichzeitig zeigt die Kundenkonzentration, dass auch Anthropic abhängig ist. Wandert ein Großkunde zu einem eigenen Modell oder zur Konkurrenz ab, fehlt ein spürbarer Teil des Umsatzes. Das kann zu zwei Reaktionen führen: aggressive Preise, um Kunden zu halten, oder höhere Preise bei den übrigen, um die Lücke zu schließen. Welche davon eintritt, lässt sich heute nicht sagen. Sicher ist nur, dass die Preise der nächsten Jahre von Kräften bestimmt werden, die mit Ihrem Anwendungsfall nichts zu tun haben.
Der Börsengang selbst soll laut Reuters voraussichtlich nach den US-Zwischenwahlen im November stattfinden. Geldgeber halten eine Bewertung von mehr als 2 Billionen Dollar für möglich, mehr als doppelt so viel wie die rund 965 Milliarden aus dem Mai.
Was das für Ihr Unternehmen heißt
- Behandeln Sie KI-Anbieter wie jeden kritischen Lieferanten. Fragen Sie, was passiert, wenn Preise steigen, ein Modell abgekündigt wird oder der Dienst ausfällt, und schreiben Sie die Antworten auf.
- Bauen Sie eine Abstraktionsschicht ein. Wenn Ihre Anwendung das Modell über eine eigene Schnittstelle anspricht, ist ein Wechsel eine Konfigurationsfrage und kein Umbauprojekt.
- Testen Sie einen Zweitanbieter. Ein zweites Modell, das Ihre wichtigsten Aufgaben ausreichend gut erledigt, ist die wirksamste Absicherung gegen Preissprünge und Ausfälle.
- Achten Sie auf Vertragsklauseln. Preisanpassung, Kündigungsfristen, Abkündigung von Modellversionen und Datenverarbeitung gehören in den Vertrag, nicht nur in die Nutzungsbedingungen.
- Planen Sie Kosten mit Puffer. Rechnen Sie Ihre KI-Kosten nicht nur zum heutigen Preis, sondern auch mit einem deutlich höheren Szenario durch.
- Beobachten Sie den Börsengang. Nach der Notierung muss Anthropic quartalsweise berichten. Das macht Preis- und Margenentwicklung künftig besser nachvollziehbar.
Wenn Sie prüfen möchten, wie abhängig Ihre KI-Anwendungen heute von einem einzelnen Anbieter sind und wie sich ein Wechsel vorbereiten lässt, sprechen Sie mich an.