Anwenden statt aufholen: EU-Sonderbeauftragter Snabe rät zu KI in der Industrie
Die EU soll KI vor allem nutzen statt eigene Spitzenmodelle zu jagen. Was der Kurswechsel von Jim Hagemann Snabe für den Mittelstand bedeutet.
Die Europäische Kommission stellt ihre KI-Politik neu auf. Jim Hagemann Snabe, seit Juni Sonderbeauftragter der Kommission für industrielle Künstliche Intelligenz, hat den 27 Kommissarinnen und Kommissaren am 4. September 2026 in einem nicht öffentlichen Seminar empfohlen, den Wettlauf mit den USA und China um die leistungsfähigsten Basismodelle nicht weiter zu verfolgen. Europa solle KI stattdessen gezielt einsetzen, um die eigene Produktivität zu steigern. Das berichtet Politico unter Berufung auf zwei Kommissionsbeamte; heise online und The Next Web haben die Meldung aufgegriffen.
Wer Snabe ist und was er vorgeschlagen hat
Snabe ist kein Politiker, sondern kommt aus der Industrie. Der Däne führte SAP von 2010 bis 2014 gemeinsam mit Bill McDermott als Co-CEO und ist seit 2018 Aufsichtsratsvorsitzender von Siemens. Die Kommission hat ihn am 3. Juni 2026 zum Special Envoy for Industrial Artificial Intelligence ernannt. Er berät Präsidentin Ursula von der Leyen und Exekutiv-Vizepräsidentin Henna Virkkunen, sein Mandat läuft bis zum 31. März 2027 und soll in einen faktenbasierten Bericht zur industriellen KI münden. Für die Dauer des Mandats ruhen seine Sitze im Verwaltungsrat von C3.ai und im Google Cloud Advisory Board. Weil er Siemens-Aufsichtsratschef bleibt, gab es von Beginn an Kritik wegen möglicher Interessenkonflikte; die EU-Bürgerbeauftragte hat nach Beschwerden mehrerer Organisationen eine Untersuchung zur Ernennung eingeleitet.
Als Einsatzfelder nannte Snabe laut Politico Gesundheit, Landwirtschaft, Verkehr, Verteidigung und die Fertigung. Die Folien der Kommission führen konkrete Beispiele auf: einfachere Regeln für Tests autonomer Fahrzeuge, sichere Datenräume für personalisierte Medizin und digitale Berater für Landwirte. Es geht also weniger um neue Fördertöpfe als um das Wegräumen von Hürden, die den Einsatz heute bremsen.
Der Zeitplan bis Anfang 2027
Snabes Team soll bis Dezember untersuchen, wie die einzelnen Branchen KI nutzen und wo es hakt. Bis Jahresende sollen daraus konkrete Maßnahmenvorschläge entstehen, Anfang 2027 folgen der Abschlussbericht und eine Strategie. Beschlossen ist damit noch nichts, die Richtung aber ist gesetzt.
Rückendeckung kam wenige Tage später von ganz oben. In ihrer Rede zur Lage der Union am 16. September sagte von der Leyen:
Wir müssen nicht diejenigen sein, die die Spitzentechnologie entwickeln, um diejenigen zu sein, die den größten Nutzen daraus ziehen.
In derselben Rede sprach sie sich dafür aus, die Entwicklung selbstverbessernder Modelle zu verlangsamen, mehr dazu im Beitrag Von der Leyen will das Tempo drosseln. Beide Linien passen zusammen: Die Grenze der Modellentwicklung sollen andere verschieben, Europa will vorn sein, wo KI in Fabriken, Kliniken und auf dem Acker ankommt.

Neu ist die Richtung nicht, neu ist die Deutlichkeit
Ganz überraschend kommt der Schwenk nicht. Schon am 8. Oktober 2025 hat die Kommission die Apply AI Strategy vorgestellt, die den Einsatz von KI in Branchen wie Gesundheit, Pharma, Energie, Mobilität, Fertigung, Bau, Agrar und Ernährung, Verteidigung, Kommunikation und Kultur beschleunigen soll und kleine und mittlere Unternehmen ausdrücklich einbezieht. Dafür mobilisiert die Kommission nach eigenen Angaben rund eine Milliarde Euro. Die European Digital Innovation Hubs werden dabei zu Experience Centres for AI umgebaut, die Unternehmen den Zugang zu Testumgebungen, Daten und Infrastruktur erleichtern sollen.
Neu an Snabes Vorschlag ist, dass die Kommission offen ausspricht, was bisher eher mitschwang: Mit den Budgets der großen US-Labore wird Europa beim Training von Spitzenmodellen nicht mithalten. Der Nutzen soll über die Anwendung kommen.
Das Thema Abhängigkeit ist damit allerdings nicht erledigt, und Snabe selbst hat davor gewarnt, es zu unterschätzen. Europa müsse sicherstellen, dass heimische Firmen eigene Ideen hervorbringen, erproben und skalieren können, und ein erheblicher Teil der Wertschöpfung müsse in Europa bleiben. Wer KI auf fremden Modellen aufbaut, hängt an deren Preisen, Nutzungsbedingungen und Rechtsordnungen. Europäische Anbieter wie Mistral, das gerade drei Milliarden Euro eingesammelt hat, bleiben deshalb eine Option, gerade wo es um personenbezogene oder geschäftskritische Daten geht.
Was das für Ihr Unternehmen heißt
- Rechnen Sie mit Rückenwind für Anwendungsprojekte. Wenn die Strategie Anfang 2027 steht, dürften Förderung und Regulierungserleichterungen stärker auf den konkreten Einsatz zielen als auf Grundlagenforschung.
- Nutzen Sie, was es schon gibt. Die Experience Centres for AI aus dem Netz der European Digital Innovation Hubs sind ausdrücklich für Unternehmen gedacht, die KI erproben wollen, ohne selbst Infrastruktur aufzubauen.
- Beobachten Sie Ihre Branche. Die Sektoranalyse läuft bis Dezember. Wer in Fertigung, Gesundheit, Landwirtschaft oder Verkehr tätig ist, sollte verfolgen, welche Hürden die Kommission angeht, und sich über Verbände einbringen.
- Planen Sie mit austauschbaren Modellen. Die EU setzt darauf, fremde Spitzenmodelle zu nutzen. Eine Architektur, in der sich das Modell wechseln lässt, schützt Sie vor Preissprüngen und Lieferantenabhängigkeit.
- Prüfen Sie den Datenweg. Bei US-Modellen gehören Serverstandort, Auftragsverarbeitung und Drittlandtransfer auf die Liste. Für sensible Daten lohnt der Vergleich mit europäischen Anbietern.
- Fangen Sie klein und messbar an. Die Politik fragt nach Produktivität. Ein konkreter Prozess mit klarer Kennzahl überzeugt Geschäftsführung und Fördergeber gleichermaßen.
Wenn Sie überlegen, wo KI in Ihren Abläufen tatsächlich Zeit spart und welches Modell dafür passt, sprechen Sie mich an.