KI-Gigafactories: EU startet Ausschreibung über 30 Milliarden Euro

Die EU schreibt bis zu sieben KI-Gigafactories aus. Wer sich bewirbt, wie gefördert wird und ab wann europäische Rechenkapazität nutzbar ist.

Serverschränke in einem Rechenzentrum, dahinter Netzwerkkabel und Verteiler

Das Gemeinsame Unternehmen für europäisches Hochleistungsrechnen, kurz EuroHPC JU, hat am 30. Juli 2026 die Ausschreibung für den Bau von bis zu sieben KI-Gigafactories eröffnet. Gemeint sind Rechenzentren, die groß genug sind, um KI-Modelle nicht nur zu betreiben, sondern zu trainieren. Bis zu 10 Milliarden Euro kommen aus öffentlichen Mitteln der EU und der beteiligten Mitgliedstaaten, mindestens 20 Milliarden Euro sollen private Investoren beisteuern. Das Gesamtvolumen liegt damit über 30 Milliarden Euro.

Die Meldung kursiert seit Tagen unter wechselnden Überschriften. Dahinter steckt jeweils dasselbe Ereignis: der Start des formalen Bietverfahrens, nicht eine neue Förderzusage.

Was genau ausgeschrieben ist

Die Ausschreibung ist in zwei Lose geteilt, beide mit je zwei aufeinanderfolgenden Phasen:

  • Los 1: bis zu vier Projekte, gefördert mit bis zu 100 Millionen Euro in Phase 1 und bis zu 400 Millionen Euro in Phase 2.
  • Los 2: bis zu drei Projekte, gefördert mit bis zu 200 Millionen Euro in Phase 1 und bis zu 800 Millionen Euro in Phase 2.

Bewerben können sich Konsortien und eigens gegründete Projektgesellschaften. 18 Mitgliedstaaten haben dafür eine gemeinsame Beschaffungsvereinbarung mit EuroHPC unterzeichnet, darunter Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und Schweden.

Wie groß das Interesse ist, zeigte bereits die vorgeschaltete informelle Interessenbekundung: Dabei gingen 76 Vorschläge für Standorte in 16 Mitgliedstaaten ein, verteilt auf 60 verschiedene Orte. Die formale Ausschreibung entscheidet nun, welche davon tatsächlich gebaut werden.

Deutschland tritt getrennt an

Aus Deutschland bewerben sich unter anderem Schwarz Digits, die Digitalsparte der Schwarz Gruppe hinter Lidl und Kaufland, die Deutsche Telekom sowie der Cloud-Anbieter IONOS gemeinsam mit dem Baukonzern Hochtief. Dazu kommen kleinere Anbieter wie Impossible Cloud und Blue Swan.

Bemerkenswert ist dabei weniger, wer antritt, sondern wie: Ursprünglich war ein gemeinsames deutsches Gebot geplant, in dem sich mehrere große Technologieunternehmen zusammenschließen. Dieser Plan ist nicht zustande gekommen, unter anderem weil SAP und Siemens zurückhaltend blieben. Die deutschen Bewerber konkurrieren nun einzeln gegeneinander und gegen die Konsortien der übrigen Mitgliedstaaten.

Der Zeitplan ist der entscheidende Punkt

Für Unternehmen, die auf europäische Rechenkapazität warten, ist nicht die Milliardensumme die relevante Zahl, sondern der Kalender:

  • 12. November 2026: Ende der Angebotsfrist.
  • Anfang 2027: Auswahl der Projekte und Förderentscheidungen.
  • 2027: geplanter Baubeginn der ersten Anlagen.
  • spätestens 18 Monate nach Vertragsunterzeichnung: Aufnahme des Betriebs.

Realistisch bedeutet das: Erste Kapazität aus diesen Anlagen steht nicht vor 2028 zur Verfügung, und auch dann zunächst begrenzt. Wer heute Rechenleistung für KI-Anwendungen einkauft, plant also weiterhin mit dem bestehenden Markt.

Zur Einordnung der Größenordnung: Was die EU hier über mehrere Jahre mobilisiert, entspricht ungefähr dem, was große US-Technologiekonzerne derzeit innerhalb eines Jahres in Rechenzentren investieren. Das Vorhaben schließt also keine Lücke, es verringert sie.

Was das für Ihr Unternehmen heißt

  • Kurzfristig ändert sich nichts. Wer aus Datenschutzgründen europäische Verarbeitung braucht, bleibt bis auf Weiteres bei EU-Regionen der großen Anbieter oder bei europäischen Hostern. Die Gigafactories sind keine Option für Projekte, die 2026 oder 2027 starten.
  • Der Standort der Verarbeitung ist vertraglich zu klären, nicht politisch. Entscheidend ist, was im Auftragsverarbeitungsvertrag und in den technischen Angaben Ihres Anbieters steht, nicht welches Rechenzentrum in fünf Jahren in Betrieb geht.
  • Für Zulieferer entsteht ein Markt. Bau, Energieversorgung, Kühlung, Netzanbindung und Betrieb solcher Anlagen werden ab 2027 vergeben. Für Unternehmen aus diesen Bereichen ist die Ausschreibung ein konkreter Anlass, die Konsortien im Blick zu behalten.
  • Beobachten lohnt sich bei der Preisentwicklung. Zusätzliche Kapazität in Europa wirkt langfristig auf die Preise für Training und Inferenz. Kurzfristig bestimmen aber die Preissenkungen der bestehenden Anbieter die Kalkulation.
Richard von Rüden
Über den Autor Richard von Rüden Senior Entwickler & AI Engineer

Seit über 15 Jahren entwickle ich Websites und Apps und beschäftige mich intensiv mit KI-Automatisierung sowie Datenschutz. In meinen Artikeln teile ich aktuelle News, fundiertes Fachwissen und Erfahrungen aus zahlreichen Projekten.

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