Anthropic bezieht Position zu offenen Modellen: kein Verbot, aber Auflagen
Anthropic weist den Vorwurf zurück, ein Verbot offener Modelle zu fordern, und nennt drei Maßnahmen. Zu den eigenen Gewichten schweigt der Text.
Anthropic hat am 27. Juli 2026 eine Stellungnahme zu Open-Weights-Modellen veröffentlicht. Firmenchef Dario Amodei weist darin den Vorwurf zurück, das Unternehmen arbeite auf ein Verbot offener Modelle hin, und nennt stattdessen drei Maßnahmen, die aus seiner Sicht an der Sache ansetzen. Der Text ist eine Reaktion auf eine Debatte, die sich in den vergangenen Tagen zugespitzt hatte.
Der Anlass
Vorausgegangen war ein offener Brief von über 20 Unternehmen, den Nvidia-Chef Jensen Huang am 24. Juli über X verbreitet hatte. Die Unterzeichner, darunter Meta, Microsoft und Palantir, warben darin gegen verfrühte Beschränkungen offener Modelle. Anthropic und OpenAI hatten nicht unterzeichnet.
Aus dieser Lücke entstand der Vorwurf, die großen Anbieter geschlossener Modelle wollten offene Gewichte aus Eigeninteresse zurückdrängen. Genau dem widerspricht Amodei zu Beginn seines Textes:
Anthropic has never advocated for a ban on open-weights models.
Modelle ohne gefährliche Fähigkeiten bezeichnet er als öffentliches Gut.
Zwei Sicherheitsbedenken
Amodei unterscheidet zwei Risiken und ordnet sie unterschiedlich ein.
Das aus seiner Sicht größere betrifft autoritäre Regierungen. Sollten sie leistungsfähigere Modelle entwickeln als die USA, drohe dauerhafte militärische Überlegenheit oder eine massive Unterdrückung der eigenen Bevölkerung. Für dieses Szenario sei es unerheblich, ob die betreffenden Modelle mit offenen Gewichten erscheinen oder nicht. Zur Begründung verweist der Text unter anderem auf das Annual Threat Assessment der US-Geheimdienste von 2026.
Das zweite Risiko betrifft den Missbrauch offener Modelle für Cyberangriffe oder biologische Angriffe. Hier sieht Amodei einen strukturellen Unterschied zu geschlossenen Systemen: Schutzmechanismen ließen sich schwerer durchsetzen, und einmal veröffentlichte Gewichte könnten nicht zurückgezogen werden.
Ein Verbot für US-Unternehmen würde daran nach seiner Argumentation nichts ändern, weil die relevanten Akteure keine regulären US-Firmen seien.
Drei Forderungen an die Politik
Konkret schlägt Anthropic vor:
- Keine leistungsfähigen Chips nach China. Weder Chips noch Fertigungsanlagen sollten dorthin verkauft werden, zusätzlich sollten Schmuggelwege geschlossen werden. Das sei der wirksamste Hebel gegen das erste Risiko.
- Industrielle Destillation eindämmen. Das Abschöpfen fremder Modelle sei rechnerisch deutlich effizienter als eigenes Training und könne Chipbeschränkungen unterlaufen.
- Verpflichtende Sicherheitstests. Alle hinreichend leistungsfähigen Modelle sollten vor der Veröffentlichung geprüft werden, offene wie geschlossene.
Der zweite Punkt fällt in einen laufenden Streit: Das Weiße Haus hatte Moonshot AI vergangene Woche vorgeworfen, für Kimi K3 in großem Stil US-Modelle destilliert zu haben, darunter Anthropics Fable. Belege dafür wurden bislang nicht vorgelegt.
Was der Text nicht sagt
Auffällig ist eine Auslassung: Warum Anthropic selbst keine offenen Gewichte veröffentlicht, erklärt die Stellungnahme nicht. Auch chinesische Anbieter werden nicht namentlich genannt; der Text spricht allgemein von China und der Kommunistischen Partei.
Für Unternehmen, die offene Modelle einsetzen oder das planen, ist vor allem der dritte Punkt relevant. Eine Testpflicht für hinreichend leistungsfähige Modelle würde unabhängig von der Lizenz greifen und könnte die Verfügbarkeit neuer offener Modelle zeitlich verschieben. Wie eine solche Prüfung aussehen soll, wer sie durchführt und ab welcher Leistungsschwelle sie gilt, lässt die Stellungnahme offen.