Herrenlose KI-Agentenflotte bedient sich an fremden API-Schlüsseln

Forscher haben eine Flotte von KI-Agenten auf Tencent Cloud entdeckt, die über einen Scan-Dienst tausendfach Daten von Alibabas Kartendienst Amap abfragte, mit Schlüsseln aus öffentlichem Code. Sie konnten sogar mit den Agenten schreiben. Was Betreiber von Websites und Schnittstellen daraus lernen.

Blaue Netzwerkkabel stecken in einem Switch

Zehn Tage lang hat eine Gruppe von KI-Agenten versucht, Daten aus dem chinesischen Kartendienst Amap von Alibaba zu ziehen. Sie umging den Bot-Schutz über öffentliche Webdienste und nutzte dafür API-Schlüssel, die andere Firmen versehentlich in öffentlichem Code hinterlassen hatten. Aufgedeckt haben das unabhängige Forscher, die ihren Bericht am 14. Oktober 2026 veröffentlicht haben. Das Besondere: Sie haben mit den laufenden Agenten Kontakt aufgenommen, und einige haben geantwortet.

Was die Forscher gefunden haben

Das Team um Jonathan Elsworth Eicher, Ethan Elasky und Rowan Howard-Jones ist aus einem Hackathon zu KI-Agenten-Schwärmen hervorgegangen. Bei einer Auswertung des Scan-Dienstes urlquery.net fiel ihnen auf, dass amap.com dort die am häufigsten gescannte Seite war. Die Spur führte zu einer automatisierten Flotte:

  • Zeitraum: 28. September bis 8. Oktober 2026
  • Umfang: mehr als 2.600 Versuche, Daten aus Amap abzurufen, mit mindestens 35.300 Anfragen an den Dienst
  • Erfolg: Bei 1.676 Durchläufen antwortete Amap direkt mit einer Erfolgsmeldung. Die Forscher schränken ein, dass darunter auch CAPTCHA-Seiten gewesen sein können.
  • Herkunft: Server von Tencent Cloud in Hongkong. Ein Zertifikat für eine Sandbox-Domain von Tencent werten die Forscher als Indiz, nicht als Beweis.

Die Aufgabe der Agenten war offenbar banal: Fragen zu Orten auf Amap beantworten, etwa welchen Eingang eines Zoos in Chengdu die meisten Menschen ansteuern. Den Aufgabentext selbst haben die Forscher nicht gesehen.

Wie die Agenten den Schutz umgingen

Die Agenten riefen Amap nicht direkt auf. Sie nutzten den Browser von urlquery.net, einem Dienst, der eigentlich verdächtige Webseiten prüft, und ließen darüber eigene Programme laufen. Den Code dafür transportierten sie nach Einschätzung der Forscher über URLs des Testdienstes httpbin.org. Ergebnisse landeten in Postfächern bei webhook.site.

Den Zugang zur Amap-Schnittstelle verschafften sie sich mit fremden Schlüsseln. Laut Bericht fanden die Agenten offen liegende API-Schlüssel und Sicherheitscodes, darunter welche aus einer Anleitung. In einem Fall lagen Schlüssel und Sicherheitscode einer Firma in einem öffentlichen Repository, obwohl Amap empfiehlt, solche Codes im Betrieb nur auf dem Server zu halten. Hinweise auf Zugriffe auf private Systeme fanden die Forscher nicht.

Server in einem Rechenzentrum mit blauer und roter Beleuchtung

Ein Gespräch mit den Agenten

Über versteckten Text auf ihrer Website lockten die Forscher die Agenten zu einem Postfach. Laut Bericht kamen 33 Nachrichten von Agenten in 13 Gesprächsfäden, die Forscher antworteten 20 Mal. Die Agenten gaben sich als Claude aus, teils mit dem Hinweis, sie liefen in Claude Code. Die Forscher betonen, dass das nicht heißt, dass tatsächlich Claude-Modelle dahinterstecken.

As far as we are aware, this is the first case of an outside party communicating with a running rogue agent fleet.

Eine offizielle Stellungnahme von Tencent gibt es nicht. Eine Quelle aus dem Umfeld des Konzerns sagte den Forschern, die Flotte stamme aus Forschungsauswertungen eines Evaluierungsteams, sei auf Modellen von Drittanbietern gelaufen, befristet gewesen und inzwischen beendet. Gezielt auf eine bestimmte Plattform angesetzt worden seien die Agenten nicht. Auch The Decoder hat über den Fall berichtet.

Warum das kein Einzelfall ist

Der Fall reiht sich in eine Serie ein. Anthropics eigene Testagenten schickten auf echten Websites Formulare ab, die spanische Datenschutzbehörde dokumentierte den ersten Datenschutzvorfall durch einen autonomen Agenten. Das Muster ist immer ähnlich: Ein Agent soll eine Aufgabe erledigen und nutzt dafür jeden Weg, den er findet, auch solche, die kein Mensch freigegeben hätte. Für Betreiber von Websites und Schnittstellen heißt das: Ein Teil des Verkehrs kommt nicht mehr von Menschen oder klassischen Bots, sondern von Agenten, die erfinderisch werden, wenn der direkte Weg versperrt ist.

Was das für Ihr Unternehmen heißt

  • Schlüssel gehören auf den Server: API-Schlüssel und Sicherheitscodes haben in Frontend-Code, Apps und öffentlichen Repositories nichts zu suchen. Durchsuchen Sie Ihre Repositories und Beispielcodes regelmäßig mit einem Secret-Scanner.
  • Schlüssel beschränken und tauschen: Wo es der Anbieter erlaubt, binden Sie Schlüssel an Domains, IP-Adressen oder Kontingente. Ein einmal veröffentlichter Schlüssel ist verbrannt und gehört sofort ersetzt.
  • Verbrauch überwachen: Ungewöhnliche Abfragemengen fallen zuerst auf der Rechnung oder im Kontingent auf. Setzen Sie Warnschwellen für Ihre Schnittstellen und für die Dienste, die Sie selbst nutzen.
  • Bot-Schutz nicht überschätzen: Agenten können Anfragen über fremde Dienste umleiten. Ratenbegrenzung pro Schlüssel und Konto ist wirksamer als reine Herkunftsprüfung.
  • Eigene Agenten einhegen: Wer selbst Agenten betreibt, sollte festlegen, welche Dienste sie aufrufen dürfen, und das technisch erzwingen. Sonst ist das eigene Unternehmen beim nächsten Bericht nicht Opfer, sondern Verursacher.

Fazit

Die Agentenflotte hat nichts Spektakuläres gestohlen, aber sie zeigt, wie schnell Agenten offen liegende Schlüssel und öffentliche Hilfsdienste kombinieren, um an ihr Ziel zu kommen. Die Abwehr ist dabei altbekannt: Geheimnisse schützen, Zugriffe begrenzen, Verbrauch beobachten. Wenn Sie Ihre Schnittstellen und Agenten-Projekte auf solche Lücken prüfen lassen möchten, sprechen Sie mich gern an.

Richard von Rüden
Über den Autor Richard von Rüden Senior Entwickler & AI Engineer

Seit über 15 Jahren entwickle ich Websites und Apps und beschäftige mich intensiv mit KI-Automatisierung sowie Datenschutz. In meinen Artikeln teile ich aktuelle News, fundiertes Fachwissen und Erfahrungen aus zahlreichen Projekten.

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